Die Honigbiene als bequemer Sündenbock?
- Julia Tertinek, ÖEIB

- 19. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Juni
Honigbiene und Wildbiene zwischen Wissenschaft, Clickbait und Schlagzeilen
Die Honigbiene erlebt derzeit einen bemerkenswerten Imagewandel. Wurde sie lange als Symbol für Naturschutz und Artenvielfalt gefeiert, wird sie heute zunehmend als Verursacherin des Wildbienen- und Insektenrückgangs dargestellt. Zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sozialen Medien und zugespitzten Schlagzeilen lohnt sich ein genauer Blick auf die Fakten.
Dass die Artenvielfalt schwindet, ist Realität. Die Ursachen sind jedoch komplex und reichen von Lebensraumverlust über Bodenversiegelung bis hin zu Veränderungen der Landnutzung und den Folgen des Klimawandels. Für die häufig geäußerte Behauptung, die Honigbiene sei eine wesentliche Ursache dieser Entwicklung, gibt es bislang keine belastbaren Belege.

Wer den Rückgang der Insektenvielfalt verstehen will, muss das Zusammenspiel dieser Faktoren betrachten. Die Suche nach einem einzelnen Schuldigen wird der Komplexität des Problems nicht gerecht. Es müssen alle Zusammenhänge berücksichtigen werden, anstatt sich auf einfache Erklärungen zu verlassen.
Ein komplexes Problem braucht ehrliche Antworten
Der Verlust von Lebensräumen, das Verschwinden blütenreicher Flächen, Bodenversiegelung, intensive Landnutzung, der Einsatz von Insektiziden sowie die Auswirkungen des Klimawandels verändern die Lebensbedingungen vieler Bestäuber. Längere Trockenperioden, Hitzewellen und verschobene Blühzeiten setzen allen Insekten zu.
Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte
Besonders häufig wird behauptet, die zunehmende Zahl an Honigbienenvölkern sei eine wesentliche Ursache für den Rückgang anderer Bestäuber.
Ein Blick auf die Entwicklung der österreichischen Imkerei zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Österreich zählt heute rund 34.000 Imkerinnen und Imker mit etwa 450.000 Bienenvölkern. Die Imkerei ist kleinstrukturiert, der Durchschnittsbetrieb bewirtschaftet lediglich rund 13 Völker. Berufsimker:innen machen nur etwa 1,5 Prozent aller Betriebe aus.
Dies verdeutlicht, dass die Ursachen des Rückgangs wesentlich komplexer sind und nicht auf die bloße Existenz der Honigbiene reduziert, werden können.
Imker:innen sind Teil der Lösung – nicht des Problems
Imkerinnen und Imker haben sich über Jahrzehnte für Bestäuber eingesetzt. Sie haben Blühflächen gefördert, auf die Gefahren bienenschädlicher Pflanzenschutzmittel aufmerksam gemacht und sich für eine vielfältigere Kulturlandschaft eingesetzt.
Oft geschah dies auch gegen erhebliche Widerstände. Lange bevor Biodiversität zum politischen Schlagwort wurde, haben Imkereiorganisationen strengere Regelungen für bienenschädliche Wirkstoffe gefordert und auf die Bedeutung von Lebensräumen für Bestäuber hingewiesen.
Viele Maßnahmen, die heute Wildbienen zugutekommen, wurden von Imkerinnen und Imkern mitgetragen oder aktiv eingefordert: Blühstreifen, Brachen, strukturreiche Landschaften, naturnahe Gärten und ein bewussterer Umgang mit Pflanzenschutzmitteln.
Wo Bienenvölker tatsächlich stehen
Der Eindruck, Honigbienen würden flächendeckend sensible Naturräume besetzen, entspricht nicht der Realität.
Berufsimkereien wählen ihre Standorte gezielt nach dem verfügbaren Trachtangebot aus. Bienenvölker stehen überwiegend in landwirtschaftlichen Kulturen, in Gärten, Parks, Streuobstwiesen oder in Waldgebieten mit ergiebiger Waldtracht. Karge Standorte mit geringem Nektar- und Pollenangebot sind für die Imkerei wirtschaftlich meist uninteressant.
Zudem findet in österreichischen Nationalparks grundsätzlich keine landwirtschaftliche Nutzung statt. Im Vordergrund stehen der Schutz natürlicher Lebensräume und möglichst unbeeinflusste ökologische Prozesse. Die entscheidenden Herausforderungen für Wildbienen liegen jedoch vor allem außerhalb dieser Flächen – dort, wo Lebensräume verloren gehen oder ihre Qualität abnimmt.
Vom Symboltier zum Feindbild?
Die Honigbiene wurde über Jahre zur Botschafterin für den Schutz von Bestäubern. Heute droht sie teilweise zum Gegenpol zu werden: zum Sündenbock für den Rückgang der Insektenvielfalt.
Gerade weil die tatsächlichen Ursachen komplex sind, entsteht die Versuchung, einfache Antworten zu liefern. Die Honigbiene ist sichtbar, bekannt und leicht verständlich. Klimawandel, Flächenverbrauch, Lebensraumverlust oder Veränderungen der Landnutzung sind deutlich schwieriger zu vermitteln.
So wird aus einer vergleichsweise kleinen, überwiegend ehrenamtlich getragenen Gemeinschaft ein bequemer Schuldiger für Entwicklungen, deren Ursachen in Wahrheit bei Lebensraumverlust, Flächenverbrauch, Klimawandel und einer zunehmend intensiv genutzten Landschaft liegen.
Mehr Lebensraum statt mehr Schuldzuweisungen
Wildbienen und Honigbienen haben letztlich dieselben Grundbedürfnisse: vielfältige Lebensräume, ausreichend Nahrung und intakte Ökosysteme.
Wer Bestäuber fördern möchte, sollte deshalb dort ansetzen, wo die größten Hebel liegen: bei mehr Blühflächen, weniger Versiegelung, strukturreichen Landschaften, heimischen Pflanzen, einem verantwortungsvollen Umgang mit Pflanzenschutzmitteln und Maßnahmen gegen die Folgen des Klimawandels.
Die Debatte über Wild- und Honigbienen darf geführt werden. Sie sollte sich jedoch an Fakten orientieren und nicht an Clickbait oder einfachen Schuldzuweisungen. Denn am Ende profitieren Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge und Honigbienen von denselben Maßnahmen: mehr Natur, mehr Vielfalt und mehr Lebensraum.
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Quellen und weiterführende Informationen
Internationale Berichte und Fachinitiativen
IPBES (2016). The Assessment Report on Pollinators, Pollination and Food Production.
IUCN Pollinators Initiative.
Wissenschaftliche Fachliteratur
Gratzer, K., Becker, D. & Brodschneider, R. (2026). Systematic review finds resource overlap but few direct effects of honey bees on wild bees. Journal of Apicultural Research. https://doi.org/10.1080/00218839.2026.2662040
Ropars, L. et al. (2019). Wild pollinator activity negatively related to honey bee colony densities in urban context. PLOS ONE, 14(9), e0222316.
Geldmann, J. & González-Varo, J. P. (2018). Conserving honey bees does not help wildlife. Science, 359(6374), 392–393.
Mallinger, R. E., Gaines-Day, H. R. & Gratton, C. (2017). Do managed bees have negative effects on wild bees? A systematic review of the literature. PLOS ONE, 12(12), e0189268.
Grundlagenwerke zur Honigbiene
Seeley, T. D. (1995). The Wisdom of the Hive. Harvard University Press.
von Frisch, K. (1967). The Dance Language and Orientation of Bees. Harvard University Press.
Österreichische Daten und aktuelle Beiträge
Biene Österreich. Sind Honigbienen schuld am Insektenrückgang? Die Zahlen sagen nein.
Thomas Weber (2026). Honeymoon is over: Plötzlich hat die Honigbiene Gegenwind. Die Presse, 18. Juni 2026.
Gratzer, K., Becker, D. & Brodschneider, R. (2026). Systematic review finds resource overlap but few direct effects of honey bees on wild bees. Journal of Apicultural Research. https://doi.org/10.1080/00218839.2026.2662040
Projekt: Insektenproof (2025) https://www.erwerbsimkerbund.at/post/artenvielfalt-trotz-hoher-honigbienendichte



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