top of page

Der unsichtbare Stress der Bienen: Warum die aktuelle Risikobewertung von Pestiziden unsere Völker gefährdet


Wenn in den Medien über das Bienensterben berichtet wird, stehen oft dramatische Völkerverluste oder akute Vergiftungsfälle im Vordergrund. Die aktuelle Realität in unseren Agrarlandschaften sieht jedoch meist anders aus: Es ist nicht der sofortige Tod durch eine Einzeldosis, der Bienenstandorte nachhaltig schwächt, sondern eine schleichende, chronische Belastung.


Eine aktuelle Übersichtsstudie im Fachjournal Environmental Toxicology and Pharmacology (Bava et al., 2026) fasst die Forschungsergebnisse der Jahre 2010 bis 2025 zusammen und zieht ein deutliches Fazit: Die bisherige Praxis der Pestizidzufuhr und deren gesetzliche Risikobewertung weisen gefährliche blinde Flecken auf.



1. Sublethal bedeutet nicht ungefährlich

In der Praxis kommen Bienen selten mit Dosen in Kontakt, die sie auf der Stelle töten. Stattdessen nehmen sie über Pollen, Nektar, Guttationswasser und das Wachs im Stock kontinuierlich geringe Mengen verschiedener Wirkstoffe auf. Diese subletalen Dosen lösen Kaskaden im Bienenvolk aus:


  • Verlust des Orientierungssinns: Schädigen Insektizide das Nervensystem, finden Sammelbienen nicht mehr zum Flugloch zurück. Die Flugbienen "versickern" schlichtweg im Feld.


  • Schwächung des Immunsystems: Gifte hemmen die körpereigene Abwehr der Biene.


  • Störung des Darmmikrobioms: Die natürliche Darmflora wird geschädigt, wodurch opportunistische Krankheitserreger wie Nosema leichtes Spiel haben.



2. Das Problem der Mischtoxizität und Synergien

Das größte Manko derzeitiger Zulassungsverfahren ist der Blick auf Einzelwirkstoffe und die Fixierung auf die LD₅₀ (die Dosis, bei der 50 % der Versuchstiere akut sterben). In der Realität fliegen Bienen jedoch keinen "Reinstoff" an, sondern ein Gemisch aus Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden.


Besonders Insektizid-Fungizid-Kombinationen weisen enorme Synergien auf. Fungizide gelten oft als "bienenungefährlich", blockieren aber im Enzymsystem der Biene genau jene Pfade, die für den Abbau von Insektiziden zuständig sind. Die Folge: Das Insektizid wirkt plötzlich um ein Vielfaches toxischer. Über 99 % aller in der Praxis auftretenden Wirkstoffkombinationen sind toxikologisch bisher völlig ungeprüft.


Um dieses Risiko greifbarer zu machen, schlagen die Forscher die Kennzahl SubTR (Sublethal Toxicity Ratio = LOAEL/LD₅₀) vor, die den Abstand zwischen der ersten schädlichen Wirkung und der tödlichen Dosis misst.



3. Pestizide im multifaktoriellen Stressnetz

Pestizide wirken im Stock nie isoliert. Sie verstärken die Wirkung anderer Hauptstressoren:


  1. Varroa destructor & Viren: Ein durch Pestizide geschwächtes Immunsystem kann Viruserkrankungen (wie dem Deformed Wing Virus, DWV) kaum noch Einhalt gebieten.


  2. Nahrungsmangel: Fehlende Trachtvielfalt führt zu Aminosäure- und Nährstoffmangel. Dadurch fehlen der Biene die Ressourcen, um körpereigene Entgiftungsenzyme aufzubauen.


4. Wege zu mehr Resilienz

Neben der drängenden Forderung an die Politik, Zulassungsverfahren auf chronische Mischtoxizität und Völkerniveau umzustellen, diskutiert die Studie auch Schutzstrategien:


  • Ernährung & Probiotika: Laborversuche zeigen, dass gezielte Nahrungsergänzung und Probiotika das Mikrobiom stärken können. Eine großflächige Validierung in der Imkereipraxis steht jedoch noch aus.


  • Trachtverbesserung & IPM: Der nachhaltigste Schutz bleibt die Reduktion chemischer Eingriffe durch Integrierten Pflanzenschutz (IPM) sowie das Schaffen artenreicher Blühflächen, um den Bienen die natürliche Entgiftung zu erleichtern.




LINK

Sublethal pesticide effects, synergistic interactions and resilience strategies in honey bees (Apis mellifera): A narrative review

Kommentare


bottom of page